Bildungsprozesse des Subjekts: Entwicklung und Sozialisation

Die erziehungswissenschaftliche Reflexion pädagogischer Handlungszusammenhänge setzt die Einsicht in die menschliche Entwicklung ebenso voraus, wie ein Verständnis dafür, in welcher Weise soziale, kulturelle und gesellschaftshistorische Faktoren auf die Entwicklung des Einzelnen einwirken. Entwicklung und Sozialisation werden dabei zunehmend als komplementäre Perspektiven interpretiert.

Entwicklungstheorien beschreiben die im Laufe der Zeit eintretenden Veränderungen im Denken, der Sprache, dem Sozialverhalten, der Wahrnehmung, der Emotionen und Affekte. Und sie entwickeln Modelle, die Verlauf und Wechselwirkungen der unterschiedlichen Entwicklungsprozesse erklären. Sozialisationstheorien thematisieren die sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen menschlicher Entwicklung und erklären, wie der Mensch sich in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt bildet.

Beide Theorieperspektiven lassen sich heute nicht mehr disziplinär verorten, sondern sind angewiesen auf eine wechselseitige Integration theoretischer Modelle und Forschungsbefunde der Psychologie, der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Soziologie und der Erziehungswissenschaft.

Eigene Arbeiten

In 'Bildungsprozesse des Subjekts' (Sutter 1997) rekonstruiere ich das soziologisch-sozialisationstheoretische Theorie- und Forschungsprogramm von Ulrich Oevermann in werkgeschichtlichtlicher Perspektive. Oevermann plädiert im Anschluss an seine breit rezipierten Arbeiten zu Sprache und sozialer Herkunft für einen Paradigmenwechsel in der Sozialisationsforschung und vollzieht diesen in eigenen Beiträgen zu einer Theorie der Bildungsprozesse des Subjekts wie auch zur Begründung einer hermeneutisch-rekonstruktiven Erfahrungswissenschaft.

Die Monografie rekonstruiert die Grundannahmen dieses Theorie- und Forschungsprogramms sowie die darin angelegte Integration von Chomskys Theorie linguistischer Kompetenz, Piagets kognitiver Entwicklungspsychologie, Freuds Psychoanalyse und Meads soziologischer Erklärung von Prozessen der Individuierung. Die Aktualität der sozialisationstheoretischen Schriften Oevermanns wird dabei unter Bezugnahme auf die neuere entwicklungspsychologische und sozialisationstheoretische Theoriediskussion ausgewiesen.

Soziomoralische Lern-und Entwicklungsprozesse und in diesem Zusammenhang: die sozialisatorische Relevanz des 'Just Community'-Settings in institutionellen Kontexten der Erziehung ist Thema meiner aktuellen Arbeiten. Diese knüpfen an die Piaget/Kohlberg-Tradition der entwicklungspsychologischen Moralforschung ebenso an wie an die soziologisch-sozialisationstheoretisch orientierten Arbeiten von Jürgen Habermas und Ulrich Oevermann (Sutter 2003a; 2003b; 2004; 2007a; 2007b; 2009; Sutter/Baader/Weyers 1998).

Literatur